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  • Esther Murbach

DAS SYSTEM übernimmt!

13.11.2017


Endlich kommt unsere wunderbare  Zivilisation auf den Punkt, wo der Mensch nicht mehr selbst denken und handeln muss. Oder höchstens defensiv. Denn auf DAS SYSTEM ist Verlass. Zumindest bei Swisscom, deren Dienste ich in Anspruch nehme, wenn es um Internet/Telefonie/TV geht.

Kürzlich hatte ich ein Problem mit meinem Compi und dem Handy. Im Compi-Shop, wo ich seit Jahren Kundin bin, stellte sich heraus, dass ich neues Smartphone brauche. Eines dieser Geräte, die smarter sind als jedes aus unvollkommener Biomasse bestehende Gehirn. Das kleine Wunderding, das zum Zentrum unserer Existenz geworden ist. Aber zugegebenermassen ganz nützlich, wenn frau damit benutzerdefiniert umgehen kann.

Ich kaufte also ein neues Smartie und schloss damit gleichzeitig den unweigerlich mit diesem Vorgang verbundenen neuen Vertrag ab mit Swisscom, meinem freundlichen Proveider (Neudeutsch...). Dieser bescherte mir auch gleich ein neues Päckli von Internet/Delifon/Glotze-Dienstleistungen. Soweit alles noch gut.

Ein paar Tage später ruft mich eine freundliche Dame an und erklärt, bei mir solle ein Glasfaseranschluss erstellt werden, sie habe den Auftrag von Swisscom. Der Termin sei der 20.11., ob sich der nicht vorverschieben liesse. Mehr als leicht erstaunt reagiere ich unwirsch und betone, dass ich keine Glasfaser bestellt habe. Dann ist die Dame unwirsch, aber bereit, den Auftrag zu streichen.

Ich rufe meinen freundlichen Proveider auf seiner zehnstelligen Gratisnummer an, tippe mich durch diverse automatische Ansagen und musikalische Beschallungen und habe schliesslich einen netten Herrn am anderen Ende. Den frage ich, wie Swisscom dazu kommt, ungefragt für mich einen Glasfaseranschluss zu bestellen. Er guckt im SYSTEM nach, wo ich detailliert registriert bin. Mein Besuch im Compi-Shop und der neue Vertrag ist selbstverständlich vermerkt. Von mir aus. Doch dann stellt sich Folgendes heraus:

DAS SYSTEM denkt selbständig. Es weiss um meine herkömmliche Kupferverkabelung und hat beschlossen, dass ich leitungsmässig optimiert werden müsse. Meine Meinung dazu ist offenbar obsolet. DAS SYSTEM hat ohne mein Zutun den Installationsauftrag inklusive Datum an eine entsprechende Firma erteilt. Obwohl ich  Swisscom schon mehrmals darauf hingewiesen hatte, dass das Einziehen einer Glasfaser in meine Wohnung aus technischen Gründen nicht möglich sei. Ausser ich wäre zu höchst aufwendigen baulichen Anpassungen bereit. Bin ich aber nicht.

Nun kommt der Clou des Clous: DAS SYSTEM hat sogar gespeichert, dass Glasfaser bei mir nicht eingezogen werden kann und dass ein entsprechender Versuch vor Jahren einmal erfolglos abgebrochen werden musste. Trotzdem hat es nochmals probiert, mir die Glasfaser unterzujubeln. Vielleicht ist DAS SYSTEM doch nicht ganz so clever wie es meint!

Der nette Herr an der Hotlein (wieder Neudeutsch...) versucht geduldig, die Irritation der verständnislosen Kundin zu begreifen. Swisscom wolle mir doch nur die beste technische Option bieten und das sei nun mal die Glasfaser. Der Auftrag zur Installation sei durch den neuen Vertrag automatisch ausgelöst worden. Würde der Proveider jeden Fall einzeln bearbeiten, ohne die Automatisierung durch DAS SYSTEM, wären die Lieferzeiten viel zu lang.

Mit anderen Worten: DAS SYSTEM meint es nur gut mit mir. Wenn ich das nicht begreife, bin ich dieser schönen neuen Welt nicht mehr gewachsen. Immerhin, ich darf mein Veto einlegen und nochmals betonen, dass Glasfaser bei mir ein NouGou (Neudeutsch...) ist. In der Hoffnung, dass DAS SYSTEM diesen Umstand für alle Zeiten vermerkt.

„Schöne neue Welt“ („Brave New World“ im englischen Original) heisst eine Zukunftsvision der totalen Überwachung, veröffentlicht von Aldous Huxley im Jahre 1932. Im letzten Jahrhundert haben wir das Buch in der Schule durchgenommen und fanden die Geschichte unglaublich. Reine Fantasie, nicht machbar! Ebenso das damals utopische Bild der totalitären Diktatur aus dem Roman „1984“ von George Orwell, publiziert 1949.

Heute sind wir weitgehend in der SCHÖNEN NEUEN WELT angekommen. Und „1984“ ist keine Utopie mehr.

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