• Esther Murbach

Dixie, Rock’n Roll und Schmuseblues

19.01.2014


Wir Teenies von vorgestern waren ja soooo brav! Als “recycled teenager” (O-Ton eines Irish Tour Director, der auf seinen Rundreisen von meist gruftiger Kundschaft umgeben ist), der/die staunend den Lebensstil der heutigen Jugend soziologisch analysiert, blickt man/frau zurück auf einen Quantensprung. ...


Ich verzichte darauf, auf die Details der zeitgenössischen Jugendkultur einzugehen, sie sind hinlänglich bekannt, und beschränke mich auf die Nostalgie.

Also: In der Tanzstunde, die wir so ungefähr mit 14–16 Jahren absolvierten, hielt das “Hotten”, vulgo Rock’n Roll, erst gerade verschämt Einzug. Ilse Bickel selig, in deren Institut die meisten gutbürgerlichen Sprösslinge mit schwitzenden Händen und zwei linken Füssen die ersten Runden drehten, beschwor uns, niemandem zu verraten, dass sie  “Hotten” in ihr Programm aufgenommen habe. Da verbotene Früchte am besten schmecken, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Genau die Mund-zu-Mund-Propaganda, die Madame Bickel sich wünschen konnte. Krönender Abschluss des Kurses war der Abschlussball mit Live-Band. Die Sängerin trug beigen Lippenstift und eine hochtoupierte, schwarze Mähne wie Priscilla Presley. Mein Galan war der Bruder meiner besten Freundin und hatte mich nur eingeladen, weil ihm keine andere einfiel. Wir hatten im Kurs beide von A-Z Mauerblümchen-Status genossen. Für den Ball wünschte ich mir ein Kleid aus grünem Samt, meine Mutter bestand auf altrosa Taft. Die Robe wurde auf Mass angefertigt von einer ihr bekannten Schneiderin und durfte keinenfalls schulterfrei daherkommen. Die angeschnittenen Kurzärmel waren knapp bemessen und überlebten die erste Drehbewegung des ersten Rock’n Rolls nicht. Nicht nur die Naht, auch der Stoff riss. Irreparabel. Ein Wink des Schicksals. Mein nächstes Galagewand bestand aus dem gewünschten Samt und war ärmellos… Spätere Tanzanlässe waren Schulfeste oder Klassenfeste in privatem Rahmen. Erstere wurden musikalisch meist von Schülerbands bestritten, letztere mussten sich mit Plattenauflegen begnügen. CDs und DJs waren noch unbekannt. Das musikalische Repertoire bewegte sich zwischen Dixie, Rock’n Roll und Schmuseblues. Zu fortgeschrittener Stunde kam vor allem die letztere Kategorie zum Zug. Dann klebten die Paare auf der Tanzfläche aneinander und bewegten sich kaum noch. Für unsere Eltern bedeutete das schon Sodom und Gomorrha, aber sie waren zum Glück nicht dabei. Unsere 8d war mit einer Klasse des MNG (Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium) befreundet, was die Paarbildung erleichterte. Der ausgesprochen gutaussehende Bruder einer Mitschülerin sass in dieser MNG-Klasse und beauftragte jeweils seine Schwester, ihn mit der jeweiligen Tanzpartnerin seiner Wahl zu verkuppeln. Erfolgreich arbeitete er sich so durch einen Teil unserer Gemeinschaft. Aber auch zwischen andern entspannen sich zarte Bande, sie “gingen” miteinander. D.h. man/frau traf sich zum Beispiel eine halbe Stunden vor dem Nachmittagsunterricht an einer Strassenecke, hielt Händchen und versuchte sich auch mal in einem verstohlenen Zungenkuss. Abends lag hie und da Kino drin, aber bitte sei um 11.30 zuhause! Tanzen im Jugendhaus resp. Sommercasino am Samstagabend ging ebenfalls durch, von 20-23 Uhr. Grosszügigerweise wurde die Ausgangsbewilligung dann bis Mitternacht ausgedehnt. Mein damaliger Galan wanderte nach 23 Uhr mit mir bis zur Haustür, wo wir bis Punkt 24 Uhr knutschten. Wenn er Glück hatte, erwischte er noch das letzte Tram nach Hause. Für ein eigenes Auto oder ein Taxi reichte das Taschengeld nicht. Auch war der Papa meist noch gar nicht motorisiert. Sogar wenn er es gewesen wäre – Führerschein mit 18 und Ausgang mit dem Familienwagen gab es so gut wie nicht. Fragt da jemand, wie wir das mit dem Sex hielten? Igitt, ein abszönes Wort! Ebenso wie der Ausdruck “Pille”. Orale Empfängnisverhütung, damals frisch erfunden, weckte Assoziationen zu zügellosen Ausschweifungen. Man/frau sprach von beidem nur hinter vorgehaltener Hand. Lehrer sorgten sich um die Moral ihrer Schülerinnen. Die Boys hatten es leichter. Sie durften tolle Hechte sein, und wenn eine sich “rumkriegen” liess, wurde das als Erfolgserlebnis verbucht. Aber der gute Ruf der Rumgekriegten war dahin. Soviel zu den damaligen Moralvorstellungen. Vielleicht fällt mir später noch mehr dazu ein.

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