• Esther Murbach

HüGüs und BHs

14.01.2014 Wieviel Wasser seit meiner Jugend den Rhein hinuntergeflossen ist, hat mir eine Einladung zum nächsten Klassentreffen wieder einmal vor Augen geführt. ...


Es soll sogar ein Jubeltreffen werden, der runde Geburtstag unserer Matura. Zwei von uns können schon nicht mehr dabei sein. Die eine starb an einer chronischen Krankheit, die andere fiel einem Unfall zum Opfer. Die meisten sind Grossmütter, manche schon lange. Grossväter gibt es keine in unserem Kreis, denn damals fand die gymnasiale Ausbildung der “höheren Töchter” (weiss überhaupt noch jemand, was das ist?) und Söhne (von “höheren Söhnen” sprach man interessanterweise nicht) streng getrennt statt. Drei Gymnasien für Knaben, zwei für Mädchen. Nach heutigem Verständis eine klare Diskrimninierung. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymi (dem männlichen Gender vorbehalten, weil ja angeblich das XY-Gen für den analytischen Verstand zuständig ist) befanden sich immerhin einzelne Mädchen, die unbedingt Madame Curie oder Leonhard Euler nacheifern wollten. Sie hatten keinen leichten Stand.

Wir von der 8d des Holbeingymis aber lernten moderne Sprachen. Die eine Mitschülerin landete später trotzdem bei den Biologen, die andere in der Chemie. Ansonsten überwogen Berufswünsche wie Lehrerin sowie schöngeistige und soziale Tätgikeiten. Drei heirateten früh, was zu Karriereknicks führte. Es waren aber nur Knicks, keine Abbrüche, alle arbeiteten sich erfolgreich ins Berufsleben zurück. Die “höheren Töchter” der Prä-CH-Stimmrechtsgeneration verstanden sich eben doch nicht als “Töchter”, sondern als eigenständige Frauen. Erstaunlich, wenn frau bedenkt, nach welchem Weltbild die Gesellschaft uns damals noch auszurichten versuchte.


1968 hatte noch nicht stattgefunden. Wir trugen Faltenröcke, Twinsets aus Lambswool und darauf Patengeschenke wie Perlen- oder Goldkettchen. Manchmal sogar noch Kniesocken, später Nylonstrümpfe, die an den Strapsen von HüGüs befestigt werden mussten. Wer weiss noch, was ein HüGü ist? Ja, du dort in der hinteren Reihe. Richtig, Hüftgürtel! Die Kandidatin hat 100 Punkte.

Die HüGüs hatten meist die Konsistenz von leichten Schützenpanzern und hielten unsere natürlichen Formen in Schach. Das Abzeichnen von Arschbacken auch unter anliegenden Röcken war verpönt. Die Strapse der HüGüs rieben unsere Oberschenkel wund, bis endlich die Strumpfhose erfunden wurde. Weitere Panzer trugen wir um den Busen. Der erfolgreichste Werbeslogan der damaligen Miederindustrie hiess: “Triumph krönt die Figur”. Die Marke Triumph gibt es heute noch, aber die Elastic-Schützenpanzer sind mittlerweile fülligen Formen vorbehalten. Wir trugen jedoch wattierte, gesteppte BHs mit Bügeln, auch wenn es nichts zum Stützen gab. Allenfalls heimlich applizierte Taschentücher. Das waren die Push-ups der 50-er und 60-er Jahre.


Für mich lag die Krönung der Figur einige Jahre später in den Aufrufen der Feministinnen zur Verbrennung der BHs. Einmal tief Luft holen und dieses überflüssige Teil abschaffen. Danach hatte ich zwei Wochen lang das Gefühl, alle Passanten auf der Strasse würden missbilligend auf meinen Busen starren und sich daran stossen, dass er ohne den Schutz eines Panzers unterwegs war. Das Gefühl verflog und ich war endlich frei. Und da die HüGüs bereits vorher im Abfall gelandet waren, konnte ich endlich anfangen, mir ein natürliches Körpergefühl zuzulegen.


Das wär’s für heute. Weitere Bruchstücke meiner Memoiren werden sich mit dem Paarungsverhalten der Prä-68er befassen. Schönen Tag, schaut wieder rein!

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